Studium Generale mit Yvonne Hofstetter „Sie wissen alles“

Das Audimax war voll. So voll wie ich es das letzte Mal vor einem Jahr gesehen hatte. Das war bei unserer Begrüßung der Erstsemester an der Hochschule. Ich freute mich also auf den Vortrag, das MUSS ja gut werden.

Sie wissen alles: Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen. – Yvonne Hofstetter

So der offizielle Titel der Studium-Generale-Veranstaltung am Mittwoch. Ich frage mich, ob die intelligenten Maschinen auch wissen, dass es für mich das erste Mal Studium Generale war?
Spätestens jetzt wissen es die Maschinen und ihr auch – es steht ja schließlich im Internet. 

Einer dieser intelligenten Maschinen ist Google. Mein treuer digitaler Weggefährte, ohne den ich wahrscheinlich nie mein Abitur geschafft hätte. Vielen Dank dafür. Dass dieses Studium Generale meinen allwissenden Retter dermaßen in Frage stellt, konnte ich nicht ahnen. Aber dazu später.

An diesem Abend referierte Yvonne Hofstetter. Sie ist Expertin für Künstliche Intelligenz und Geschäftsführerin bei Teramark Technologies GmbH. In ihrem Buch „Sie wissen alles“ beschäftigt sich Hofstetter mit dem großen Thema „BIG DATA“ und den Gefahren für unsere moderne Gesellschaft.
Das klingt pessimistisch. Jedoch will Frau Hofstetter zuallererst klarstellen, dass sie nicht als Technologiekritikerin gesehen werden will.

Sie will warnen, warnen vor den künstlichen Intelligenzen, die sich in unser Leben einschleichen und uns regelrecht scannen, analysieren und unser Leben schließlich verändern.

Das Schlagwort des Abends ist BIG DATA. Also die gewaltige Ansammlung von Daten, deren Analyse und die daraus resultierenden Entscheidungen. Häufig getroffen von… Maschinen.

Dabei macht sie uns klar, wie sehr die voranschreitende Digitalisierung jeden von uns im Griff hat. Um die Auswirkungen zu spüren, muss man nicht einmal Nutzer von Facebook oder des Internets sein. Nein, auch der gesamte Börsen- und Bankensektor wird regelrecht beherrscht von der Digitalisierung – Stichwort „Hochfrequenzhandel“.
Kurz gefasst bedeutet dieser abstrakte Begriff, dass große Teile des Aktienhandels von Maschinen übernommen werden. Diese sind im Millisekunden-Takt auf der Jagd nach dem günstigsten Kurs. Somit bewegt sich der brisante Handel hin zu Maschinen und weg vom Broker, weg von uns, weg von der Vernunft.

Wie so oft, fanden die BIG-DATA-Verfahren ihren Ursprung beim Militär. Dort fasste man das Sammeln, die Analyse und die „Entscheidung unter Unsicherheit“ mit dem Wort Kontrollstrategie zusammen. Das hört sich böse an.
Wirklich böse wurde es laut Hofstetter aber erst, seitdem diese Techniken die gehüteten Bereiche der Militärs verließen und in die Hände von Staat und Unternehmen gerieten.
Aber kommen wir jetzt zu meinem Freund Google. Wie schon angekündigt, kommt die Suchmaschine an diesem Abend nicht gut weg. Dabei liefert sie mir doch nur immer ein passendes Ergebnis zu meinen Fragen. Genau hier liegt für Yvonne Hofstetter auch das große Problem. Denn Google bestimmt, was ich wann und zu welchen Konditionen angezeigt bekomme.
Ein weiterer Grund ist, dass Google viel mehr als eine Suchmaschine ist.  Laut Hofstetter ist es eine ernstzunehmende Bedrohung, vergleichbar mit der Bedrohung von diversen Geheimdiensten.

Google sitzt bekanntlich im Silicon Valley, dem Hochtechnologie-Mekka des 21. Jahrhunderts. In direkter Nachbarschaft zu Facebook, Yahoo, Tesla und Apple entstehen hier die Trends der Zukunft. Yvonne Hofstetter kritisiert jedoch, dass hier Demokratie mit Technologie gleichgesetzt wird. Diese Gleichung sei aber grundfalsch, da es ursprünglich Demokratie = Mensch hieß.
Wenn nun Google & Co. versuchen, den Mensch als Maschine zu sehen und dessen besondere Rechte zu ignorieren, dann begehen sie einen großen Fehler. Der gleiche Fehler wurde schon bei der Industrialisierung begangen. Auch dort gab es keinerlei Reglementierungen, und der Mensch büßte seine Grundrechte zum großen Teil ein.
Doch die Geschichte zeigte auch, dass die damalige Gesellschaft das humane Gleichgewicht wiederherstellen konnte. Dieses Exempel gibt Yvonne Hofstetter Hoffnung für die digitalen Bedrohungen, mit denen unsere Gesellschaft konfrontiert ist.

Um wieder Kontrolle über unsere Daten und dessen Verwendung zu bekommen, fordert sie die Gesellschaft dazu auf, ihr Bewusstsein zu schärfen. Gleichzeit müsse der Staat neue Regeln für eine offensichtlich „neue Zeit“ aufstellen.
Am allerwichtigsten sei jedoch, dass die Technologieschöpfer selbst Vernunft einkehren lassen und manche Verfahren schlichtweg nicht ermöglichen, die theoretisch möglich sind. Denn wie anfangs angemerkt, Yvonne Hofstetter ist keine Technologiekritikerin, aber sie hat die Gefahren verstanden und ihr ist es auf eindrucksvolle Weise gelungen, das Publikum zu sensibilisieren. Denn es steht viel auf dem Spiel.

Zum Abschluss noch einmal kurz zu Google. Ich habe gezählt… um ehrlich zu sein habe ich allein für diesen Beitrag sechs Mal die Suchmaschine um Hilfe gebeten. Ich konnte mich nicht abwenden von der großen Bedrohung. Ich persönlich bin Tag für Tag überwältigt von den Chancen und Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung bringt – und das im positiven Sinne.
Nichtsdestotrotz war es ein sehr bereichernder Vortrag für mich. Es war eine Einladung, über den Tellerrand zu schauen. Ich fühle mich nun informiert und gleichzeitig sensibilisiert vor den Schattenseiten des digitalen Fortschritts.

– Gerrit Zell

Weitere Artikel findet ihr HIER

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.