Studium Generale mit Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher „Nachhaltiger Klimaschutz“

 


Über Prof. Dr. Dr. Franz-Josef Radermacher

Professor Franz Josef Radermacher ist Globalisierungsexperte. In dieser Eigenschaft beschäftigt er sich seit Jahren u.a. mit dem Übergang der Gesellschaft in die Informationsgesellschaft, Fragen der Verantwortung von Personen und Systemen, umweltverträglicher Mobilität und der Überbevölkerungsproblematik. Seit 1987 ist er Leiter des Forschungsinstitutes für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW) und des weiteren Professor für Datenbanken und Künstliche Intelligenz an der Universität Ulm.

Franz Josef Radermacher hat für seine herausragenden Leistungen unzählige Auszeichnungen erhalten. Er ist Mitglied in diversen Arbeitsgemeinschaften, politischen Beratungsgremien und Organisationen, wie z.B. im Club of Rome und im Deutschen Nationalkomitee der UNESCO.


Draußen ist es kalt, für meinen Geschmack kalt genug für Anfang November. Ehrlich gesagt, vermisse ich den Sommer jetzt schon. Oder könnte es nicht lieber einfach wieder Frühling werden?

Schon zum 5. Mal referierte Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher im Rahmen des Studium Generale an der Hochschule Pforzheim.


Nachhaltiger Klimaschutz – Bausteine zur Erreichung des Zwei-Grad-Ziels

Gleich zu Anfang deklariert Radermacher den Klimawandel als die größte Herausforderung der Menschheit. Ein Hauptgrund für die Klimaentwicklung sei die Nutzung von fossilen Brennstoffen in den vergangenen 200 Jahren: „Wir setzen schlagartig CO2 frei, welches in über 200 Millionen Jahren von der Natur gebunden wurde.“

Die Folgen des Klimawandels werden besonders in den Breitengraden rund um den Äquator deutlich. Dürren, Überflutungen und der steigende Meeresspiegel spielen fast täglich eine Rolle in unseren Nachrichten, sofern sie denn spektakulär genug sind und dramatische Bilder liefern.

Nicht unser Problem?

Doch! Die betroffenen Länder sind auch gleichzeitig die bevölkerungsstärksten – Tendenz steigend.
Momentan kann man die Flüchtlingsströme noch verschiedenen Kriegen zuschreiben. Aber selbst wenn diese Kampfhandlungen befriedet werden können, werden die Ströme anhalten. Denn Menschen setzten sich immer dann in Bewegung, wenn sie auf der Suche nach einer besseren Zukunft waren. Und so wie sich das Klima entwickelt, werden sie diese Zukunft nicht in ihren Heimatländern finden.

Der gemeine PEGIDA-Anhänger würde jetzt verwundert auf seine Umweltplakette am VW Golf TDI Clean Diesel schauen. Er würde sich wahrscheinlich fragen, warum wir denn verantwortlich sind für die Umstände in anderen Ländern, schließlich sind die Deutschen doch ein sauberes Volk.

Großmeister im Selbstbelügen

Prof. Radermacher kürt die westliche Welt als „Großmeister im Selbstbelügen“. Wir waschen unsere Hände gerne in Unschuld. Was in Unternehmen durch geschickte buchhalterische Abgrenzungen korrigiert wird, passiert auch im Zuge der Globalisierung.

Die sauberen und profitablen Hochtechnologien behalten wir im eigenen Land und Unternehmen schmücken sich mit Corporate-Social-Responsibility-Programmen. Gleichzeitig verlagern wir die „Drecksarbeit“ nach Asien oder Afrika.

Natürlich ist Deutschland ein sauberes Land, aber sobald wir Textilien „Made in Bangladesch“ tragen, gerät unser gepflegtes Image ins Wanken.

Die Lösungen aller Probleme?

Eine drastische aber effektive Lösung des Problems wäre die Dekarbonisierung, also die Umstellung der gesamten Energiewirtschaft. Was nach den Vorfällen in Fukushima in Deutschland versucht wurde, ist im globalen Maßstab laut Radermacher undenkbar.

Denn fossile Brennstoffe sind in erster Linie wertvoll. Nicht unbedingt, weil sie so selten sind, sondern weil die Erschließung und Förderung extrem kostspielig ist. So stellen die bereits erschlossenen Förderstätten ein immenses Eigentum in den Händen der größten Unternehmen der Welt dar. Eine Enteignung ist mit unseren ökonomischen Vorstellungen nicht vereinbar. Außerdem wären die Folgen für unseren Wohlstand fatal. Eine ganz dumme Idee.

Ein anderer Ansatz, der gerne auf den Klimakonferenzen gewählt wird, ist das Diktat von Richtlinien für die aufstrebenden Schwellenländer. Indien & Co. wollen sich solche Vorschriften natürlich nicht gefallen lassen. Radermacher kann die Reaktionen nachvollziehen. Den Industrieländern stehe es nicht zu, etwas zu verbieten, was sie selbst in den vergangenen 200 Jahren praktiziert haben.

Was die Welt verbindet und gleichzeitig teilt, ist offensichtlich das Streben nach Wohlstand.

Zurück in die Steinzeit

Immer wieder spielt unser Wohlstand eine Rolle, immer wieder kommt es wegen des Wohlstands zu Problemen.

Prof. Radermacher wirft also die folgende These in den Raum:„Wenn wir alle arm wären, hätten wir keine Probleme mehr“

Eine Folge dieser These wäre, dass mit dem sinkenden Bruttoinlandsprodukt das „Brutto Glücks Produkt“ steigen würde. Wir würden keine Emissionen produzieren, würden nicht mehr im Stau stehen und hätten viel mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben.
Zurück in die Steinzeit also? Auch Radermacher sieht ein, dass dieser asketische Ansatz nicht die Zukunft der Menschheit sein kann und beschreibt es sehr treffend als „hässliche Lösung“.

Das Zwei-Grad-Ziel

Das Zwei-Grad-Ziel beschreibt das Ziel der internationalen Klimapolitik. So soll die globale Erwärmung auf plus zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor der Industrialisierung begrenzt werden.

Falls die Weltgemeinschaft an ihrem Verhalten nichts ändert, ist dieses Ziel utopisch. Bis 2050 steigt die Freisetzung von CO2 dramatisch an.

In allererster Linie brauchen wir laut Radermacher Zeit. In dieser Zeit müssen alternative Technologien entwickelt und verbessert werden. Ein Blick in die Vergangenheit verrät, dass wir schon sehr viel Zeit verschwendet haben.

Das perfekte Weihnachtsgeschenk

Doch wie kann man als normaler Bürger den Prozess unterstützen?

Prof. Radermacher empfiehlt den Kauf von Klimazertifikaten. Doch damit nicht genug, man solle sie am besten genüsslich zerreißen. Die Zertifikate wurden eingeführt, um die Emissionen zu regulieren.
Ein begrenztes Kontingent an Zertifikaten auf dem Markt sollte durch marktwirtschaftliche Mechanismen für eine schrittweise Regulierung sorgen.

Wie so oft ging der Versuch schief. Es wurden zu viele Zertifikate in den Markt gespült. Das zu hohe Angebot sorgte für Discountpreise. So kostet ein Zertifikat für die Emission von einer Tonne CO2 nur zirka sechs Euro. Durch den Kauf und die Vernichtung der Zertifikate will Radermacher eine Stilllegung der Papiere erreichen. So geht das Angebot zurück, die Preise normalisieren sich und die Grundidee macht wieder Sinn.
Laut Prof. Radermacher das perfekte Weihnachtsgeschenk – oder vielleicht Geschenkpapier?

Der zweite Schritt

Offensichtlich reicht der Kauf von Zertifikaten nicht aus, um unsere Umwelt zu verbessern. Der zweite Schritt, den Radermacher fordert, ist die Negativemission.
Durch massive Aufforstung in den Tropen sollen so große Flächen wieder für Mensch und Natur nutzbar gemacht werden. Außerdem sollten wir öfters auf den Baustoff Holz zurückgreifen und nachhaltig aufforsten. So können neue Bäume nachwachsen, und das enthaltene CO2 bleibt für weitere 100 Jahre in Form von Baustoffen gebunden. Außerdem müssen wir weiterhin Biotope renaturieren, um die natürlichen Prozesse der CO2-Bindung zu unterstützen.

Insgesamt dienen die genannten Maßnahmen der Zeitgewinnung. Zeit, die wir laut Radermacher dringend brauchen, um den Klimawandel wieder in den Griff zu bekommen.

– Gerrit Zell

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