Studium Generale

Das Studium Generale ist diese seltsame Veranstaltung, die Mittwochabends zu absolut unvernünftigen Zeiten stattfindet – so zumindest denken wohl die meisten Studenten an der HS Pforzheim. Wieso auch, sollte ich mich am Mittwoch um 19:00 Uhr in ein Audimax setzen, das vom Durchschnittsalter her mehr einem Altersheim gleicht und mir noch einen Vortrag anhören, wo ich doch schon den ganzen Tag anderen Menschen zu höre, die versuchen mir etwas beizubringen? Ich muss gestehen, dass ich ganz ähnlich über das Studium Generale dachte und auch wenn ich mir oft vorgenommen hatte, eine Veranstaltung zu besuchen, kam immer etwas dazwischen. Manchmal war es ein Champions League Spiel und manchmal die „Erschöpfung“ nach einem vollgepackten Vorlesungstag. Am 6. Juni habe ich es aber endlich einmal geschafft, mich aufzuraffen und meinen müden Körper um 18:30 Uhr Richtung Hochschule zu schleppen.
Und wie konnte es anders sein: ich hatte mir gerade die Veranstaltung ausgesucht, deren Thema mir so gar nichts sagte: Anthropozän.
Als ich ein paar Tage zuvor den Entschluss gefasst hatte, zum Studium Generale zu gehen, schaute ich natürlich in das Programmheft um herauszufinden, über welches Thema ich mich belehren lassen würde. Für den 6. Juni war dort eingetragen: „Das Anthropozän: Konsequenzen für Wissenschaft, Gesellschaft und Politik“. Nun, ich hatte nicht die geringste Ahnung was oder wer das Anthropozän sein sollte. Was also macht ein Student, der von einem Thema keine Ahnung hat?
Genau, er gibt auf und lässt die Sache auf sich beruhen.
So zumindest geht ein Student vor, wenn er etwas aus einer Vorlesung nicht versteht, das Studium Generale aber wollte ich ja in meiner Freizeit besuchen und daher auch verstehen, um was es sich bei dem Vortragsthema handelte.
Ich las mich also in das Thema im Internet ein. Ich las zuerst den Wikipedia Eintrag zum Thema Anthropozän und fand so heraus, dass es sich dabei um ein neues geochronologisches Zeitalter handelt, in dem der Mensch einer der der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist.
Im Großen und Ganzen ging es also um die Veränderung der Erde durch den Einfluss des Menschen. Passenderweise wurde dieser Vortrag von einem ehemaligen Bundesumweltminister gehalten: Klaus Töpfer. Er war von 1987 bis 1994 Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit in der Regierung von Helmut Kohl.

Professor Dr. Dr. h.c. mult. Klaus Töpfer

Vorträge von Politikern können so fesselnd sein, wie Barack Obama sie zu halten pflegt, sie können aber auch so einschläfernd und fast fremdschämend sein, wie wenn Günther Oettinger über digitale Themen spricht. Ich muss zugeben, dass ich vor dem 6. Juni noch nie von Klaus Töpfer gehört hatte. Umso beeindruckter war ich nach seinem Vortrag von ihm.
Schon seine Vita liest sich sehr gut, so war er nicht nur Bundesminister, sondern ist auch Träger des großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland und wurde 2008 mit dem deutschen Nachhaltigkeitspreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet.
Die Erwartungen, die man an einen Vortrag von einem Menschen mit solch einem Lebenslauf hat, wurden von Herrn Töpfer nicht enttäuscht.
Für all diejenigen, die seinem Vortrag leider nicht beiwohnen konnten, fasse ich hier die wichtigsten Themen zusammen.
Zum Einstieg bezog sich Herr Töpfer auf die Bevölkerungsuhr, diese zeigt an, um wie viel die Bevölkerung eines Landes jeden Tag wächst, beziehungsweise schrumpft. Sieht man sich die Werte von Ländern auf der Nord-Süd-Achse an, stellt man fest, dass die Bevölkerung im Süden am stärksten wächst und im Norden am geringsten, was zur Folge hat, dass das Durchschnittsalter der nördlichen Länder wie Norwegen (40 Jahre) sehr hoch ist, südliche Länder hingegen haben ein sehr junges Volk, wie beispielsweise der Niger mit 15,2 Jahren. Im Gegensatz zu dieser Geburtenrate zeigt das Durchschnittseinkommen ein genau umgekehrtes Bild. Dieses nimmt nämlich von Norden nach Süden stark ab. Diese Ungleichverteilung der Reichtümer wurde von Herrn Töpfer bereits 1992 in einem Interview mit dem Spiegel angeprangert und er prophezeite schon damals, dass diese Entwicklung sich langfristig auf die reicheren Länder auswirken würde. Wie wir heute wissen, sollte er mit dieser Annahme Recht behalten, denn mit Beginn der Flüchtlingskrise trifft nun auch die Staaten im Norden die Konsequenzen der Armut in der restlichen Welt. Diese Krise sieht Herr Töpfer aber keineswegs als Scheitern an, sondern als Chance, die ursächlichen Probleme zu lösen. Ganz im Sinne von Winston Churchill, der sagte „never miss a good crisis“ – also eine Krise nie als Scheitern verstand, sondern immer als Chance, es besser zu machen.
Das Kernthema des Vortrags – das neue geochromatische Zeitalter Anthropozän – ist in den Augen von Herrn Töpfer eine Warnung an die Entscheidungsträger der Welt. Denn ist der Mensch, die ursächliche Kraft für die Veränderung der Welt, so muss er seine Entscheidungen noch stärker hinterfragen, da diese weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen können.
Es ist nicht nur wichtig, Entscheidungen noch stärker abzuwägen, sondern sich direkt einen reaktionsplan zurechtzulegen, der bei Scheitern der Maßnahmen greifen kann.
Durch ein solches Vorgehen, hätten Probleme wie die Endlagerung von Atommüll im Bergwerk Asse gar nicht erst entstehen müssen. So hätte man sich von Anfang an überlegen müssen, wie verfahren wird, wenn Komplikationen auftauchen sollten.
Der Vortrag von Herrn Töpfer war sehr informativ und auch ohne die Verwendung jeglicher Medien fesselnd. Man merkte ihm zu jeder Zeit seine Vergangenheit als Politiker positiv an.
Der Vortrag von Herrn Töpfer war leider die letzte Veranstaltung des Studium Generale für das Sommersemester 2018. Das Programm für das Wintersemester 2018/2019 steht aber schon fest und kann auf der Webpage des Studium Generale abgerufen werden.
Mir hat die Veranstaltung wirklich viel Spaß bereitet und ich werde in Zukunft öfter den Weg ins Audimax finden.
Die Veranstaltung ist zwar gut besucht, jedoch nicht von Studenten. Die Veranstalter würden sich wünschen, dass wieder mehr Studenten die Chance des Studium Generale wahrnehmen.
Ich kann einerseits die Studenten verstehen, die ihren Mittwochabend nicht an der Hochschule verbringen wollen, aber es lohnt sich tatsächlich. Nicht nur, dass man sich über Themen informiert, von denen man ansonsten nie etwas hören würde, auch gibt es nach den Vorträgen noch eine Kleinigkeit zu Essen und es stehen Getränke bereit.

Und wenn wir ehrlich sind, gehen Studenten doch zu jeder Veranstaltung, auf der sie Gratisgetränke abstauben können.

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