Die Körpersprache erfolgreicher Menschen

Nicht nur Tiere klären ihre Rangfolge mit Gesten und Körperkontakt: Auch Menschen kommunizieren nonverbal.

Warum stoßen Menschen nicht ständig zusammen, wenn sie durch eine belebte Fußgängerzone gehen? Warum kann Kollege Meier in jedem Meeting seine Ideen durchsetzen, auch wenn sie noch so hirnrissig sind? Warum wirken Raucher so einträchtig, selbst wenn sie heutzutage als Fremde auf engstem Raum zusammengepfercht werden? Auf diese Fragen gibt es eine gemeinsame Antwort: Es liegt am Status.

Bei diesem Begriff denken viele Menschen zunächst an das, was wir als sozialen Status definieren können. Darunter fallen weitgehend situationsunabhängige Merkmale wie die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen (zum Beispiel Prominenz) oder die Verfügungsgewalt über begehrenswerte Güter (vor allem Geld) und Kompetenzen (zum Beispiel eine Professur). Diese Art von Status wird über so genannte Statusmarker zur Schau gestellt. In Unternehmen und anderen Organisationen drückt sich die Hierarchie (der institutionelle Statusunterschied) für alle sichtbar zum Beispiel in der Größe des Dienstwagens aus.

Um derlei Aspekte geht es diesmal nicht. Vielmehr spreche ich vom aktiv beinflussbaren, situativen (oder aktuellen) Status. Dieser Begriff geht auf Keith Johnstone, den Paten des Impro-Theaters, zurück. Die Frage lautet: Wer hat in der konkreten Situation die „One-up-Position“? Hier drückt sich Status vor allem durch Sprache (vor allem Körpersprache) aus. In der Fußgängerzone können wir beobachten, dass jene Person, die letztlich ausweicht, dies kurz vorher durch eine flüchtige Geste der Submission (Unterordnung) ankündigt, zum Beispiel ein kaum wahrnehmbares Absenken des Kopfes oder Blickes. Insofern ist dieser Statusunterschied auch nicht absolut, sondern relativ; bei der nächsten Begegnung kann es genauso gut umgekehrt sein. Übergreifend gilt die Regel, dass immer ein – wenn auch minimaler – aktueller Statusunterschied zwischen zwei Personen vorhanden sein muss, damit überhaupt agiert werden kann. Eine strikte Statusgleichheit mündet in Stagnation, hier also in einen Zusammenstoß.

Am Beispiel der Fußgänger wird auch ersichtlich, dass es per se nicht gut oder schlecht ist, den situativen Hochstatus oder Tiefstatus inne zu haben. Beide Wege können zum Ziel führen. Die Positionen kennzeichnen Endpunkte eines Kontinuums. Sie beruhen auf unterschiedlichen Bedürfnissen und gehen auf Dauer mit unterschiedlichen Konsequenzen einher. Situativer Hochstatus speist sich aus dem Bedürfnis nach Dominanz und Distanz. Er geht mit der Möglichkeit zur Durchsetzung der eigenen Interessen einher. Der Lohn: Man wird respektiert – jedoch nicht zwingend gemocht. Situativer Tiefstatus speist sich aus dem Bedürfnis nach Submission und Nähe. Er geht mit der Zurückstellung der eigenen Interessen einher. Der Lohn: Man wird gemocht – jedoch weniger respektiert. Beide Positionen sind also in Reinform mit spezifischen Vor- und Nachteilen verknüpft.

Zum Statusspiel verdammt

Im Großen und Ganzen nehmen Menschen situativ mal die eine, mal die andere Position ein. Allerdings fühlen wir uns typischerweise in einer der beiden Rollen mehr zuhause als in der anderen – was einerseits der genetischen Konstitution (erbliche Persönlichkeitsfaktoren) und andererseits der Erziehung (auch und vor allem Geschlechterstereotypen) geschuldet ist. Dies ist zunächst nicht weiter tragisch, kann aber problematisch werden, wenn zum Beispiel in einem Unternehmen die Person mit den besten Ideen zu permanentem Tiefstatusverhalten neigt. Sie wird dann im Extremfall einfach nicht „gehört“ – mit allen negativen Konsequenzen.

Das Spiel von Dominanz und Unterwerfung ist uns evolutionsbiologisch in die Wiege gelegt. Unsere Vorfahren leben seit Jahrmillionen in sozialen Verbänden – und die Interaktion in menschlichen Gruppen wird von Kindesbeinen an zumindest teilweise über die gleichen Mechanismen gesteuert, die auch in einer Affenhorde oder einem Wolfsrudel anzutreffen sind. Wollen wir nicht ein Eremiten-Dasein führen, sind wir zur Teilnahme am Statusspiel verdammt. Somit ist es hochgradig sinnvoll, die wichtigsten Regeln dieses Spieles explizit zu kennen.

Können wir bei Bedarf bewusst situativen Hochstatus einnehmen? lautet die Frage. Die Antwort: Ja, wir können

Den Rahmen abstecken

Bislang haben wir nur statusrelevante Aspekte von Körpersprache und Stimme betrachtet. Außen vor blieb der Inhalt: Wer sagt wann was zu wem – oder gerade eben nicht? Aus Platzgründen können wir hier nur ein grobes Bild zeichnen. Hochstatus-Sprache zeichnet sich unter Anderem durch folgende Merkmale aus: Sie enthält konkrete, positive Formulierungen und vermeidet Konjunktiv- und Passivkonstruktionen sowie sprachliche Weichmacher („vielleicht“, „eventuell“). Sie steckt – zum Beispiel durch Rückbezug auf Werte – den Rahmen dessen ab, was in einer Situation als gültig erachtet wird oder werden sollte.

Natürlich wird Status auch über Redeanteil und –position bestimmt. Wer ausschweifend eine Geschichte erzählen darf, hat Hochstatus. Wer das erste und – vor allem – das letzte Wort hat, umso mehr. Ein Gesprächspartner im Hochstatus geniert sich nicht, Fragen zu stellen. Wer fragt, der führt die Interaktion – wenn denn geantwortet wird. Ein Mensch im Hochstatus scheut sich deshalb auch nicht, die Antwort zu verweigern, zum Beispiel Angela Merkel: „Diese Frage stellt sich für mich nicht!“ Generell gilt: Prozess vor Inhalt. Wer Zeit, Ort und Ablauf der Interaktion bestimmt, hat Oberwasser. Wer diese Rolle nicht innehat, kann, zum Beispiel durch gezieltes Zuspätkommen, versuchen, sie zu erobern.

Hans-Ulrich Schachtner bietet in seinem Buch eine anschauliche Typologie für klassische Hochstatus-Haltungen. Es sind die drei „B’s“: Beweger, Bewerter, Bewilliger. Der Beweger gibt – ganz im Sinne des vorigen Absatzes – den Rahmen vor. Er setzt Impulse und lenkt das Geschehen in seinem Sinne. Ist diese Position nicht einnehmbar, so bietet sich die des Bewerters: Dieser definiert Kriterien und erlaubt sich, qualifizierende Äußerungen über die Beiträge anderer zu machen („Schmidt, Ihr Vorschlag ist gut, weil …“). Wenn eine derartige Deutung akzeptiert wird, so hat der Bewerter den situativen Hochstatus inne. Ist dies ebenfalls nicht möglich, so bleibt die Position des Bewilligers: Wer nicht bestimmen oder validieren kann, hat immer noch die Möglichkeit, Einverständnis zu signalisieren. Die Botschaft lautet dann: Auch wenn ich nicht bestimmt habe, so läuft doch alles in meinem Sinne.

Der Matthäus-Effekt

Die bewusste Steuerung eigener Statussignale ist ein lohnenswertes Stück Veränderungsarbeit, vor allem für Menschen, die von Natur aus eher im Tiefstatus-Bereich zuhause sind. Hochstatus ist ein typisches Beispiel für den so genannten Matthäus-Effekt. „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, dass er Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, was er hat“ – Mt 25,29. Hochstatus-Signale auszusenden setzt auf zwei Wegen einen sich selbst verstärkenden Prozess in Gang. Zum einen über die so genannte propriozeptive Rückmeldung. Das heißt, unsere Empfindungen wirken sich nicht nur auf unsere Körpersprache aus; auch der umgekehrte Weg funktioniert. Wir stehen aufrecht, weil wir uns sicher fühlen. Wir fühlen uns aber auch sicher, weil wir aufrecht stehen. Und zum anderen wird eine soziale Feedbackschleife initiiert: Wir senden Hochstatus-Signale, die uns helfen, ein gewünschtes Ziel zu erreichen, was dazu führt, dass wir selbstsicherer werden, was es in Zukunft erleichtert, Hochstatus einzunehmen.

Zum Schluss soll nochmals darauf hingewiesen werden, dass ein hoher situativer Status kein Selbstzweck per se ist. Wenn eine Person dauernd Signale des Hochstatus sendet, wird sie zwar den Respekt der Mitmenschen genießen und ihre Meinung durchsetzen können. Aber sie sollte sich nicht wundern, wenn sie am Ende allein auf weiter Flur steht; die Herzen werden ihr nicht zufliegen.

Als charismatisch empfunden werden jene Menschen, die in der Lage sind, leicht in verschiedene Statuspositionen zu schlüpfen. Man nennt sie „Status-Artisten“. Sie passen sich geschickt der jeweiligen Situation an, um ihre Ziele zu erreichen. Mal hilft der große Auftritt (Hochstatus), mal ein wenig Selbstironie (Tiefstatus). Mal gehen sie in Führung (Hochstatus), woanders lassen sie sich führen (Tiefstatus; vorausgesetzt, es geht in die richtige Richtung). Mal hilft eine knackige Anweisung (Hochstatus), anderswo kommen sie mit einer Schmeichelei (Tiefstatus) weiter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.